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22 Juni

Maximilansweg 2017

geschrieben von  Rosi Ebel

Maximilansweg 2017
Zu viel gelesen über Weitwanderungen (Christine Thürmer [Essen, Laufen, Schlafen], zu viel gehört
über Weitwanderungen (Jens Schärff ;-))
Und schon mal für ein paar Tage getestet (Karwendel 2014). Aber ich wollte mehr. Angespornt von
den Geschichten rund um den Jakobsweg mit seinen verschiedenen Routen, dem Pacific Crest Trail,
den Appalachen Trail, den Kungsleden, natürlich der Alpenüberquerung usw. wollte ich es endlich
auch durchziehen.

Meine berufliche Auszeit im Mai/Juni 2017 war abgestimmt. Die schwierigste
Frage: welchen Weg soll/kann ich nehmen? Pacific Crest Trail – zu weit weg. Auch der Appalachen
Trail. Jakobsweg? Der ist mir zurzeit zu inflationär. Kungsleden? Allein mit Zelt mehrere Tage im
Nichts? Dafür bin ich noch nicht erfahren genug. Alpenüberquerung – um diese Jahreszeit zu früh.
Bücher, Internet durchwühlt – so stieß ich auf den Maximiliansweg. Dieser führt in 21 Etappen vom
Bodensee zum Königssee. Alles dabei, was mein Wanderherz so mag: Wasser und die Berge der
Alpen. Nach einigen Überlegungen stand fest: der soll es sein. Planung relativ einfach, spielt sich ja
alles in Deutschland bzw. Österreich ab. Ein wenig Komfortwandern ist es natürlich auch, neben
Übernachtungen in Alpenhütten sind auch einige in Pensionen/Hotels in den Dörfern/Städten
unterwegs dabei. Für mich perfekt. Schon einige Monate vor der Wanderung bin ich dem DAV
(Alpenverein) beigetreten, nicht nur, um die Übernachtungen in den Hütten etwas preiswerter zu
bekommen, auch bzw. vor allem auch wegen der Versicherung aber auch, weil darüber vergünstigtes
Kartenmaterial zu bekommen ist.
Auszug aus dem Wanderführer:
„Im Sommer 1858 unternahm der bayerische König Maximilian II. eine große Reise durch das Land
seiner Untertanen, um die Regionen und ihre Bewohner besser kennenzulernen. Mit dabei war unter
anderem der Anglistik-Professor Friedrich von Bodenstedt, der Begegnungen und Landschaften sowie
einige Kuriositäten schriftlich festhielt. Die fünfwöchige Reise zu Pferd (42 Pferde umfasste der Tross),
Kutschen und zu Fuß begann in Lindau. Man überquerte den Bodensee auf dem Wasser und weiter
ging es ins Gebirge. Durch den Bregenzerwald in die Allgäuer Berge, dann nach Oberstdorf und ins
Tannheimer Tal, in die Ammergauer, dann ins Wettersteingebirge. Über Garmisch und Partenkirchen
reiste die Gesellschaft weiter ins Karwendel und zum Achensee, dann zum königlichen Heilbad
Wildbad Kreuth. Man bestieg den Wendelstein, reiste nach Rosenheim und unternahm eine
Bootspartie auf dem chiemsee. Über Reit im Winkl und Lofer ging es nach Reichenhall und von dort
durch die Ramsau nach Berchtesgaden. Die Reise litt stark unter Dauerregen, doch König Maximilian
hielt tapfer durch. Lediglich am Schluss plagten ihn noch starke Zahnschmerzen, so dass das Finale
beim Zahnarzt stattfand.“
Am 25. Mai 2017, Himmelfahrt, ging es dann auch für mich endlich los. Anders als König Maximilian
ohne Pferde, sondern zu Fuß. Und allein. Das war meine Herausforderung. Ich hatte auch mehr Glück
mit dem Wetter als er, fast immer Sonnenschein und sehr warm. Die 3 Tage Abkühlung
zwischendurch mit 2 fast kompletten Regentagen waren sogar mal angenehm. Und von
Zahnschmerzen blieb ich auch verschont.
Auch ich startete in Lindau am Bodensee. Allerdings nahm ich nicht das Boot um über selbigen zu
kommen, sondern lief drumherum.

Die ersten drei Tage waren was Höhenmeter und Distanz anging noch relativ entspannend,
sozusagen zum angewöhnen. Die Wege führten durch den Bregenzerwald, oft durch kleine
gemütliche Dörfer, über grüne Wiesen, der Blick zurück auf den Bodensee und die Schweizer Berge.
Meine Soundtrack der Wanderungen: Kuhglocken, Kuckucksrufe, Vogelgezwitscher aller Art und
Grillen. Herrlich.
Die erste Hüttenübernachtung war im Staufener Haus auf 1614 m Höhe. Traumsonnenuntergang über
den Bodensee, ein Sternenhimmel, wie man ihn nur in den Bergen zu sehen bekommt. Tolle Hütte,
tolles Essen.
Die nächsten beiden Etappen durch die Allgäuer Alpen waren sehr hart. Etappe 4 führte über die
Nagelfluhkette mit 3 Gipfelbesteigungen (höchster Punkt der Hochgrat auf 1.832 m) und
ebensovielen Abstiegen über Gunzesried nach Sonthofen. Bei 30 Grad immer auf dem Kamm nicht
leicht. Etappe 5 hatte zwar nicht so viele Anstiege, nur einen, den gleich zu Beginn mit 995 m
Höhenmetern. Mit fast 30 km Länge bis nach Pfronten gehörte diese auch Etappe auch mit zu den
längsten. Am Abend in der Unterkunft nach fast 9 h war ich körperlich erledigt. Ich begann zu
zweifeln, ob ich die ganze Distanz schaffen würde. Aber ein gutes Essen, eine behagliche Unterkunft
und ausreichend Schlaf – am nächsten Tag war ich wieder fit. Trotzdem war es gut, dass es diesmal
eine relativ kurze Strecke (17 km) und nur wenige Höhenmeter bis nach Füssen bzw. Schwangau war.
Etappe 7 stand schon an. Ich hatte bereits die Ammergauer Alpen erreicht und Schloß
Neuschwanstein im Blick. Ausgerechnet an meinem Geburtstag sollte ich mental vor der größten
Herausforderung stehen.
Zum ersten Mal Wolken am Himmel, die sich am Horizont gewaltig aufbauschten. Am Tegelberghaus
in 1.707 m Höhe war ich mir noch sicher, ich nehme den direkten Weg zur Kenzenhütte. Der
Wegweiser gab 2 Wege vor: 3 h und 4 ¾ h. Da es noch relativ früh war und ich kein Mensch der
einfachen Wege bin, entschied ich mich doch für die lange Tour. Ein Fehler. Der Weg führte höher und
höher, inzwischen waren die Wolken dichter geworden, die Bergspitzen waren im Nebel
verschwunden, ich war weit und breit der einzige Mensch unterwegs. Aber was solls, ich war
unterwegs, umdrehen kam – noch – nicht in Frage. Inzwischen war ich selbst im Nebel, der Weg kein
Weg mehr, nur noch klettern über Steine und Felsbrocken, oft mit Hilfe der Hände. Irgendwann war
ich oben – auf dem Gabelschrofensattel in 1.940 m Höhe (hab ich erst hinterher gelesen). Ich stand
vor einem riesigen Schneefeld, im Nebel konnte ich schwach ein paar Wegweiser ausmachen, nur
kam ich da nicht hin. Nicht lange nachdenken, es blieb nur umdrehen. Ich hatte Angst, durfte dieser
aber nicht zu viel Raum geben, sonst wäre ich vielleicht keinen Schritt mehr gegangen. Also, die
ganze Kletterei wieder runter. Zwischendurch hatte ich noch das Gefühl, auf dem falschen Weg zu
sein. Ich sah mich schon in den Bergen im Freien übernachten. Aber nach 3 mal vor- und
zurücklaufen bin ich dann weitergegangen - und war richtig. 3 h 50 min später stand ich dann wieder
an der Weggabelung. Und bin nun wirklich den direkten Weg zur Kenzenhütte gegangen. Während
der ganzen Tour war ich nicht so froh gewesen, eine Hütte/Unterkunft zu erreichen. Dafür war die
Hütte an Gemütlichkeit nicht zu übertreffen.
Am nächsten Tag musste ich vom Wanderführer abweichen, da der Weg zum Pürschlinghaus über die
Brunnenkopfhäuser noch teilweise vom Schnee unbegehbar war. Außerdem hat es morgens leicht
geregnet, Sicht gleich 0, da macht ein Kammweg auch wenig Sinn.
Abstieg zum Schloss Linderhof und weiter nach Oberammergau, wo am Nachmittag schon wieder die
Sonne schien. Auch die nächsten Etappen gestaltete ich anders, da Gewitter und Starkregen angesagt

war. Kam zwar nicht so, aber das weiß man ja nicht vorher. Und in den Bergen kann es auch schnell
Wetterumbrüche geben und gefährlich werden. Leider entgingen mir so auch die Beneditkenwand
und die Tutzinger Hütte.
Bin ein Stück mit dem Bus gefahren und von Bad Tölz bis nach Lenggries gelaufen.
Inzwischen in den Bayrischen Voralpen angekommen, standen am nächsten Tag wieder viele
Höhenmeter (900) und 2 Gipfelbesteigungen (Geierstein und Fockenstein) an. Sonne schien, es war
warm. Bin ein ganzes Stück mit einem jungen Pärchen gegangen, nette Unterhaltung, verkürzte den
langen Abstieg nach Bad Wiessee am Tegensee.
Der nächste Tag (Pfingstsonntag) begann mit strömenden Regen. Nun kam dann auch das Regenzeug
mal zum Einsatz. Nach den vielen Sonnentagen eine wilkommene Abwechslung. Es ging zum
Schliersee, ne relativ kurze Etappe mit 18 km und nur ein kurzer knackiger Anstieg. Es waren wenig
Leute unterwegs, nur 2 ältere Herren trotzten dem Wetter und haben mich ein Stück begleitet. Das
ständige Prasseln des Regens war schon fast wie Meditation . Ich fühlte mich etwas schlapp,
Magengrummeln und Durchfall. Pfingstmontag ging es noch nicht viel besser. Hab mir den Aufstieg
auf den Wendelstein erspart und die Seilbahn genommen. Die paar Stufen auf die Aussichtsplattform
kosteten viel Energie, merkte, ich war noch nicht wieder fit. Hab den Rucksack im Cafe stehen lassen
und bin trotzdem noch die 100 Höhenmeter auf den Gipfel. Aussicht traumhaft. Dann noch die
höchste Höhle Deutschlands (Wendelsteinhöhle) angesehen. Hab mich dann entschlossen, mit der
Zahnradbahn bis zur Mitteralm zu fahren und dann bis Brannenburg zu laufen. Die richtige
Entscheidung.
Zeitig ins Bett, fast 12 h geschlafen, am nächsten Tag war ich wieder fit. Es ging über Nußdorf zum
Hochries (1.568 m), oben angekommen, begann es wieder heftig zu regnen. Sicht wieder 0. Kurze
Rast im Hochrieshaus und zügiger Abstieg nach Aschau. Die Chiemgauer Alpen erreicht.
Das Highlight der nächsten Etappe, zeigte sich bereits am Morgen in der Ferne: die Kampenwand. Da
es eine lange Strecke bis nach Marquartstein war, nahm ich wieder die Seilbahn hoch zur Sonnenalm
in 1467 m Höhe. Es war trocken, aber ein kühler Wind wehte. Auf dem breiten Wanderweg ging es
zur Steinlingalm. Hier war der Weg zur Kampenwand ausgeschildert - als alpiner Steig, Trittsicherheit
und Schwindelfreiheit vorausgesetzt. Da wollte ich nicht hin, aber der Weg Richtung Hochplatte, mein
Weg, sah nicht viel anders aus. Ich kletterte ein Stück hinauf – aber geprägt von der Tour an meinem
Geburtstag war ich unsicher. Und drehte um. Suchte einen Alternativweg. Erwies sich als nicht ganz
einfach, die Ausschilderungen dürftig bis schlecht. Wegsperrungen wegen Forstarbeiten. Entnervt bin
ich dann zum erstbesten Ort, Rottau, abgestiegen und von dort an der Straße lang nach
Marquartstein.
Am nächsten Tag wieder Sonnenschein und warm. Noch immer etwas unsicher, was Gipfel- bzw.
Kammwanderungen betraf, entschied ich mich nicht über das Hochgernhaus zu gehen, sondern am
Berg entlang zur Jochbergalm und von dort nach Ruhpolding. Es kamen 30 km zusammen.
Die vorletzte Etappe von Ruhpolding nach Bad Reichenhall. Ich war etwas aus dem Etappen-
Rhythmus. Hatte überlegt, ob ich bis nach Inzell mit dem Bus fahre. Aber das Wetter war zu schön, ich
wollte wandern. Hoffte nur, es würde sich nicht rächen, die Etappe war lang, es standen noch 955
Höhenmeter und ein langer Abstieg an. Egal. War bis nach Einsiedl ein schönes Wandern durch
idyllische Dörfer und traumhafte Wälder. Hinter Einsiedl begann der Aufstieg auf den Hinterstaufen
zur Kohleralm. 995 HM auf 3,5 km. Als der Sattel erreicht war ein unglaublicher Anblick auf die

Bergwelt und auch schon auf das Zielgebiet: die Berchtesgadener Alpen. Aber erst einmal ging es
noch zur Zwieselalm. Ein Weg, der mich mental nochmal forderte. Ein schmaler ausgestellter Pfad,
ein Stück Klettern, keine Seilsicherung. Aber diesmal war Umdrehen unmöglich. Und das war gut so.
Ich hab den Weg geschafft, gut für den Kopf, Erleichterung und Freude. Von der Zwieselalm war Bad
Reichenhall zu sehen und auch schon das Watzmannmassiv. Der Abstieg dauerte nochmal 2 ½
Stunden.
Die letzte Etappe. Ein komisches Gefühl. Freude und Wehmut. Ich wollte ankommen, aber gleichzeitig
auch nicht.
Nach knapp 4 h war Berchtesgaden erreicht. Damit auch das Ende des Maximiliansweges. Aber der
Wanderführer sagt: vom Bodensee zum Königssee, also war mein Ziel der Königssee. Nochmal knapp
5 km. Da ich hier schon öfters Wanderurlaub gemacht habe, bekanntes Gebiet. In Schönau meine
Unterkunft im Blick, aber erst einmal dran vorbei . Gänsehaut und ab und zu ein paar Tränen in den
Augen. Die Menschen im Ort Königssee kaum wahrgenommen, einfach durch. Und dann war er
plötzlich da, der Königssee – und ich am Ziel. Unfassbar, glücklich, traurig, stolz.
17 Etappen, 357 km und 11.061 Höhenmeter, allein. An die Grenzen gekommen, geschwächelt, aber
immer wieder aufgerafft. Karussell der Emotionen: erfreut, überwältigt, ängstlich, stolz, nervös,
dankbar, beeindruckt, angespannt, ehrfürchtig, hoffnungsvoll, verunsichert, erschöpft, nachdenklich,
ergriffen, kraftvoll, neugierig, respektvoll. LEBENDIG.
Gedanken Tage danach: ich will wieder unterwegs sein, den Rucksack auf dem Rücken den Boden
unter den Wanderschuhen spüren.
Wird passieren!

Gelesen 855 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 22 Juni 2017 15:57
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